Bahnsteig

Zu reisen ist schön. Sitzen, entspannen und die Welt an sich vorbeihuschen sehen. Das Rauschen des Zugwagons, die Selbstverständlichkeit der Technologie. Gerade, wenn man mit Regionalzügen reist, erfasst man unheimlich viele Bahnhöfe. Man sitzt im Zugwagon auf seinem reisenenden Platz, vielleicht steht man auch. Man sieht hinaus, sieht den dreckigen Bahnsteig und fragt sich vielleicht, was diese Taube, die dort ahnungslos hin und her tappt, heute noch alles erleben wird. Vielleicht fragt man sich auch, wie es ist, Kinder zu haben, bei dem Anblick einer völlig entkräfteten jungen Mutter und ihrem Mann, der am liebsten vor den Zug zu springen scheint, während drei kleine Kinder unabdinglich schreien. Vielleicht beginnt man ja sogar, zu hinterfragen, wie viele Schicksale in diesem Moment vor einem stehen, sich bewegen und agieren, man beginnt vielleicht, zu realisieren, dass doch all diese Menschen gerade ein und dasselbe Ziel haben: Ankommen. Irgendwo werden sie ankommen, genau, wie ich ankommen werde. Und obwohl all ihre Wege und vor allen Dingen ihre Ziele so vollkommen unterschiedlich sind, ähneln sie sich ja doch insofern, dass sie jetzt gerade dabei sind, diesen Weg zu beschreiten. Allesamt. Im gleichen Zug oder auf dem gleichen Bahnsteig oder in der gleichen Ortschaft. 

Dabei frage ich mich, was ein Bahnsteig mit seinen alten Gemäuern mir wohl alles berichten könnte, würde ich ihn danach fragen. Wüsste er überhaupt mehr als ich?